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Von derwesten.de: Scheidender Chorverbands-Präsident Hermann Otto zieht Bilanz

Hermann Otto hat in einer Zeit vieler Umbrüche den Chorverband NRW geführt. Zum Abschied zieht der Siegener Unternehmer jetzt im Interview Bilanz.

Männergesangverein! Der Begriff galt fast schon als Schimpfwort, als Hermann Otto an die Spitze des Chorverbandes NRW berufen wurde. Der mittelständische Unternehmer und leidenschaftliche Sänger aus Siegen hat in einer schwierigen Zeit der Umbrüche vieles bewegt für die Chorszene. Ebenso bescheiden wie beharrlich konnte er auch die Landespolitik immer wieder davon überzeugen, dass die Laienkultur gefördert werden muss. Nach 26 Jahren in hohen Funktionen, davon zwölf Jahre als Präsident, tritt Hermann Otto am Sonntag in Siegen nicht mehr zur Wahl an. Im Interview mit unserer Zeitung zieht der 70-Jährige zum Abschied Bilanz.

Sie haben als Präsident des Chorverbandes NRW viele Umwälzungen miterlebt. Das Chorsterben und die Kritik an einer überholten Vereinsmeierei gehören dazu. Und trotzdem liegt das Singen heute wieder im Trend. Warum?

Hermann Otto: Weil Singen im Chor Frieden, Frohsinn, Ausgeglichenheit und menschliches Miteinander bedeutet. Das entdecken viele junge Menschen wieder für sich, wenn auch nicht unbedingt im MGV, sondern in neuen Formationen wie Gospel- oder Rock- und Pop-Chören.

Wo steht der Chorverband NRW heute?

Otto: Der demographische Wandel trifft die Chöre ebenso wie andere Institutionen. Die junge Generation hat sich vor einigen Jahrzehnten nicht wiedergefunden in den Aktivitäten der typischen Männergesangvereine. Da hat sich allerdings viel geändert. Noch vor einigen Jahren wäre es zum Beispiel undenkbar gewesen, ein Konzertprogramm zu gestalten, bei dem die Hälfte der Lieder in englischer Sprache gesungen wird. Heute organisiert der Chorverband nicht nur die klassischen Leistungssingen wie den Meisterchor-Wettbewerb. Festivals wie „Sing & Swing“ oder „German A Cappella“ sprechen die neuen Interessen erfolgreich an. Und das ist auch gut so, denn der Chorverband muss allen singenden Menschen ein Zuhause geben. All diese Umstrukturierungen haben zum Erfolg geführt, den wir heute haben. Chorsingen ist wieder in.

Woran messen Sie das?

Otto: Können Sie sich erinnern, dass WDR 3 jemals mit Chormusik, mit Laienchören etwas zu tun haben wollte? Auf einmal kommt der Sender mit der Aktion „Singen macht glücklich“ und ruft zur Wahl des Lieblingschores auf. Das zeigt doch deutlich die neue Wertschätzung, die das Chorsingen erfährt.

Gehört der Männergesangverein, für den die Chorprobe nur das Vorspiel zum Bierglas-Stemmen ist, jetzt der Vergangenheit an?

Otto: Wenn ein Chor sein Ziel hauptsächlich im gemütlichen Beisammensein sieht, ist das absolut in Ordnung. Persönlich war ich jedoch immer der Meinung, dass eine gute Leistung neben dem guten Miteinander die beste Werbung bedeutet. Solche Vereine haben keine Nachwuchsprobleme. Gute Leistung macht einen Chor interessant, das hält zusammen.

Welche Herausforderungen muss die Chorszene in Zukunft meistern?

Otto: Integration wird eine große Rolle spielen. Immer mehr Mitbürger mit ausländischen Wurzeln wollen auch beim Singen eine Stimme haben. Wir müssen uns weiterhin um unser Nachwuchsprojekt „Toni“ kümmern, damit möglichst viele Kinder im Kindergarten und in der Grundschule an das Singen herangeführt werden. Und der ganze Bereich „Singen im Alter“ ist Erfolgsgeschichte und Herausforderung zugleich. Hier würde ich mir wünschen, dass Chöre auch einmal über den eigenen Tellerrand blicken und sich zusammenschließen, um Seniorenchor-Projekte gemeinsam zu realisieren.

Als Präsident des Chorverbandes waren Sie für ganz NRW zuständig. Aber Sie sind ja Siegerländer. Wie schätzen Sie die Chorszene in Südwestfalen ein?

Otto: Das Sauerland und das Siegerland sind die Regionen, wo die meisten Leistungschöre zu Hause sind. Deshalb haben sie auch weniger Probleme als die Städte. Schauen Sie doch mal nach Dortmund. Das ist immer noch eine singende Stadt, aber die traditionellen Männerchöre gibt es praktisch nicht mehr. Diese großen Gesangvereine, die früher unsere Vorbilder waren, die großen Werkschöre wie der Essener Zollverein mit über 200 Sängern, die sind Geschichte. Die Traditionschöre in Südwestfalen, die gibt es immer noch.

Sie haben gesagt, mit 70 muss man aufhören. Hören Sie nur als Präsident auf, oder auch als Sänger?

Otto: Singen, das ist mein Leben. Und das wird auch mein Leben bleiben.

Monika Willer

Quelle: www.derwesten.de

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