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Aus Facettenmagezin Neukölln: Nicht alle gehen einen geraden Weg

Es war voll am Freitagmorgen in der Aula der Albert-Schweitzer-Gymnasiums: Die Abschlussjahrgänge von vier Neuköllner Schulen hatten sich versammelt, um ein besonderes Geschenk entgegen zu nehmen. Und über ein Dutzend Unternehmer und leitende Angestellte hatten teilweise weite Wege zurückgelegt, um es zu übergeben. Eigentlich hätte auch der Langstrecken-schwimmer Thomas Lurz, der 2012 bei den Olympi- schen Spielen Silber holte und den Weltmeistertitel über die 25 Kilometer-Distanz hält, unter den Mentoren der Initiative “Auf die Socken, fertig, los!” sein sollen, um von seinem Werdegang und seinen Erfahrungen zu erzählen. Doch der Würzburger musste krankheitsbedingt absagen. Für einen Profisportler wie Lurz seien eben viele Medikamente tabu, wenn er nicht unter Dopingverdacht geraten will, erklärte Schulleiter Georg Krapp den Jugendlichen.

 

Die Frage “Ausbildung oder Studium?” steht für sie unmittelbar bevor, und meist schließen sich ihr weitere Überlegungen an: Welche Ausbildung in welcher Bran- che? Welcher Studiengang? Am Albert-Schweitzer-Gymnasium legt man viel Wert auf eine frühe Berufs- und Studienorientierung. In der 8. Klasse wird damit begonnen, die “Schüler auf eine bewusste Entscheidung für die Zeit nach dem Schulabschluss hinzuführen”, in der 10. Klasse absolvieren alle ein Betriebspraktikum. “Machbar”, sagte Georg Krapp, “ist das nicht zuletzt durch unsere enge Kooperation mit externen Partnern.”

Hier, in Berlins erstem Ganztagsgymnasium, sei- en Bedingungen geschaffen worden, die gutes Lernen ermöglichen, betonte Neuköllns Schul- stadträtin Dr. Franziska Giffey (l.). Ungut ist indes bezirksweit die Bilanz der Schulkarrieren: Von rund 2.400 Schüle-rinnen und Schülern gehen etwa 300 ohne Abschluss ab.

Die ebenfalls poli- tisch tätige Regina van Dinther (r.) brachte zwar einen Abschluss zustan- de, doch zunächst war es nur der der Hauptschule. “Nicht alle gehen einen geraden Weg”, sagt die nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete heute. “Trotzdem war ich schon mit 21 Ingenieurin.” Erfolg, so ihre Erfahrung, setze viel Energie voraus, ebenso wichtig seien aber Netzwerke. “Erwerben Sie Qualifikationen, die mit Menschen zu tun haben, denn das lernt man nicht in der Schule oder im Studium”, empfahl sie den künftigen Abiturienten vom Albert-Schweitzer-, Ernst-Abbe- und Albrecht-Dürer-Gymnasium sowie der Röntgen-Schule.

Wie wichtig Networking ist, weiß auch Martin Weiß, der Geschäftsführer vom Haus der Men- toren. Profilierte Vertreter verschiedenster Bran- chen konnte er gewinnen, um Jugendlichen reale Perspektiven für zukünftige Berufsfelder aufzuzeigen. “Wegen des Ausfalls von Thomas Lurz und seinem Einführungsvortrag haben wir nun die Möglichkeit, dass sich jeder Mentor allen vorstellen kann, bevor das Rotationsverfahren durch die verschiedenen Klassen beginnt”, leitete Weiß zu Dr. Fränze Hammermann über.

Frau Oberstabsarzt wäre die korrekte Anrede für die Medizinerin, die seit 13 Jahren im Dienst der Bundeswehr steht. “Jetzt bin ich Truppenärztin in der Julius-Leber-Kaserne in Tegel, also die Hausärztin für die Soldaten”, übersetzte sie das militärische Vokabular ins All- gemeinverständli- che.

Einen Doktortitel trägt Ali Sahin ebenfalls. Er sei einer der ersten Abiturienten mit Migrationshintergrund in der hes- sischen Kleinstadt Bad Vilbel gewesen, erzählte er: “Unterstützung von meinen Eltern hatte ich dabei nicht.” Zu einem “Dünnbrettbohrer-Abi” habe es ge- rade so gereicht. “Medizinstudent und Arzt hätte ich damit nicht werden können.” Der Traum, Fußballer zu werden, scheiterte an anderen Bedingungen. Also studierte Ali Sahin Jura und setzte den beiden Staatsexamen noch eine Promotion drauf. In der internationalen Wirtschaftskanzlei Paul Hastings hat er nun einen Job gefunden, der “viel Spaß und Geld bringt”. Auf seinen türkischen Background sei er stolz. “Und ich bin davon überzeugt, dass im Migrationshintergrund eine große Chance liegt”, motivierte der Vater zweier Töchter die zahlreichen Jugendlichen nichtdeutscher Herkunft im Saal.

Auch andere der Karrieren handeln von Chancen und beginnen oft mit dem, was eigentlich hätte beruflich werden sollen oder können: Beate Hoffmann (l.) wollte Hoteldirektorin werden und arbeitet heute in der Geschäftsleitung der Deutschen Bank. Mirco Knaak (r.) kam nach Berlin als es gerade angesagt war, illegale Bars zu eröffnen. Der Ingenieur gründete stattdessen eine kleine Software-Firma und ist in- zwischen bei einem Automobildienstleister, der Motoren für verschiedene Autofirmenentwickelt. Bei Gerold Minnemann (u. l.) sollte es eigentlich nach dem Abitur ein Jura- Studium werden: “Aber dann kam ich zum Bankwesen und blieb da.” Wolfgang von Eckartsberg (u. M.) stammt hingegen aus einer Banker-Familie, studierte aber Jura. “Das Studium war eine Denkschule für mich”, sagte er. Daran, jahrelang als Reise- leiter in Spanien zu arbeiten, hatte er aber vorher nicht gedacht, das habe sich einfach so ergeben. Keine Umwege machte dagegen Bernd Liske (o. M.), der mit seiner Datenmanagement-Firma u. a. eine und eine Lesemaschine entwickelt hat. Als “der mit dem kürzesten Lebenslauf aller Mentoren” stellte sich Thomas Hoppe (r.) vor. Abitur, BWL-Studium und gleich danach die Gründung einer eigenen Firma: Im letzten Jahr erhielt er für das Geschäftsmodell namens Schülerkarriere.de, das den Berufs- findungsprozess vereinfachen soll, den Förderpreis des Bundeswirtschaftsministe- riums. Tobias Conrad (u. M.) ist mit seinem Unternehmen deals.com ebenfalls “in dieses Internet geraten”, nach Banklehre und BWL-Studium. Christoph Adelmann (u. r.) machte sich nach 13 Jahren Bundeswehr als Steuerberater selbstständig, und Uwe Ahrens (u. l.) wurde Ingenieur: Seine Firma erzeugt Energie mit Lenkdrachen. “Guckt und horcht in euch rein, fragt euch, was ihr bewegen wollt und was euch Spaß macht!”, riet er den Schülern. Die Verdienstaussichten seien bei der Berufswahl nicht das Wichtste. Wichtig sei aber, sich im Vorfeld über das zu informieren, was einen erwartet: “Auch das Ingenieurwesen ist nicht nur Spannung und Abenteuer. Es ist auch viel Disziplin, Ord- nung und Arbeit.” Barbara Selchow (l.) ging es wie vielen Abiturienten: Vom Wunschberuf hatte sie nur vage Vorstellungen. Nach einer Ausbildung als Wer- bekauffrau, BWL-Studium und Auslandsaufenthalt in Australien war sie ein we- nig schlauer. Etliche Prak- tika später, bei denen sie nach dem Ausschlussverfahren siebte, stand die Entscheidung fest und Selchow wurde selbstständige Heilpraktikerin. Das ist sie auch jetzt noch, übt aber inzwischen das Business- und Lifestyle-Coaching aus. Regelrecht “als Sonderfall” der Riege der Mentoren empfand sich Jörg Vehlewald (r.). Er habe schon mit 14, 15 gewusst, was er einmal werden will und früh seine journalistische Laufbahn begonnen. Nach einem Ausflug in die Politik, kehrte er im letzten Sommer wieder zur Bild-Zeitung zurück, wo Vehlewald nun Chefreporter ist. Wer “etwas mit Medien” machen will, sollte jede Chance nutzen, in die Praxis zu schnuppern, empfahl Vehlewald: “Bei sol- chen Gelegenheiten erfährt man dann auch, welche Flausen man sich besser aus dem Kopf schlägt."

Schon an diesem Vormittag konnten die Mentoren, die durch die verschiedenen Klassen rotierten, diverse Illusionen aus dem Weg räumen, um Platz für die Realität zu machen.

Quelle: FACETTEN Magazin

© Regina van Dinther 2017