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Aus der Welt: Gleichberechtigung ist eine Zier ...

Eine Langzeitstudie weist nach: In NRW sind Frauen noch immer weit davon entfernt, mit Männern bei Karriere und Gehalt gleichzuziehen. Verantwortlich dafür sei auch die oft naive Gleichstellungspolitik.

Es war im Jahre 1999, als die Parteien eine "neue Ära" der Gerechtigkeit für Frauen einläuteten. NRW hatte soeben ein Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Fortan, beteuerten alle Fraktionen, werde sich Frauen die Tür zu Beruf, Karriere und "tatsächlicher Gleichstellung" schneller auftun als bisher. Diese großen Worte von einst dürften die damaligen Koalitionäre unter Wolfgang Clement längst bedauern. Allzu sehr kontrastiert der einstige Enthusiasmus mit der Wirklichkeit des Jahres 2013.

 

Diesen Befund stützt nun der erste "Frauendatenreport" für NRW, den der DGB am Donnerstag präsentierte. Demnach arbeiten mittlerweile zwar 66 Prozent aller Frauen in NRW (zehn Prozent mehr als vor einem Jahrzehnt). Rund die Hälfte von ihnen ist aber nur 10 bis 20 Wochenstunden in einem Teilzeit- oder Minijob aktiv. Meist sind es Mütter, die um der Kinder willen nicht länger arbeiten – obwohl fast ein Viertel von ihnen gerne mehr arbeiten würde. Diese Berufstätigen klagen zu einem Großteil über uninteressante Aufgaben und fehlende Aufstiegschancen, sie sind in Führungspositionen nahezu nie zu finden. Aber auch Vollzeitfrauen besetzen nur rund 27 Prozent der Führungsposten. Und nach wie vor verdienen arbeitende Frauen zwischen 22 und 25 Prozent weniger als Männer (je nach Studie).

Davor würde wohl nicht so so laut gewarnt, wenn diese Frauen etwa durch Erbe oder sonstiges Vermögen fürs Alter abgesichert wären. Dem ist aber nicht so. Laut mehreren Schätzungen droht einem Drittel der berufstätigen Frauen vor allem im Scheidungsfalle Altersarmut, weil ihre unterbrochenen Erwerbsbiografien kaum Altersvorsorge zuließen. Trotzdem helfen Unternehmen ihren Mitarbeiter(inne)n bislang eher selten dabei, Familie und Beruf zu vereinbaren. Das dokumentierte Ende 2011 eine Studie im des Familienministeriums. Demnach klagte jeder zweite Mitarbeiter über mangelnde Familienfreundlichkeit der Betriebe. Selbst unter Großunternehmen biete nicht einmal jedes vierte Betriebs-Kita oder Vermittlungsservice für Betreuungsplätze an. Und in weniger als 40 Prozent der Unternehmen dürfen Mitarbeiter auch nur gelegentlich zu Hause arbeiten.

Nicht minder unbefriedigend wirken die bisherigen politischen Versuche, daran etwas zu ändern. Als der Hoffnungsträger galt 1999 die frauen- und familienfreundliche Umgestaltung des öffentlichen Dienstes. Sie sollte beweisen, dass berufliches und familiäres Engagement gut vereinbar sind. Durch eine 50-Prozent-Frauenquote, flexible Arbeitszeitmodelle und vieles mehr sollte der öffentliche Dienst zum Vorbild der Unternehmen avancieren. Inzwischen sind zwar rund 56 Prozent der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst Frauen, aber bei Führungspositionen kommen sie nur auf 29 Prozent; auch in den rot-grün geführten Ministerien. Und diese Führungsfrauen haben eher selten Kinder und noch seltener Teilzeitstellen. Kurz: Selbst der Staat ist an der Gleichstellung bislang gescheitert.

Das gilt erst recht für die Unternehmen. Seit allemal einem Jahrzehnt ziehen Politiker jeder Couleur durch die Betriebe und predigen Weitsicht angesichts des nahenden Fachkräftemangels: Bald werde jede Fachkraft händeringend gebraucht. Laut Prognos-Institut sollten 2020 in NRW rund 600.000 Fachkräfte fehlen. Und deshalb sollten Unternehmen klug sein und Teilzeitkräfte in Führungspositionen bringen, abgespeckte Arbeitszeitmodelle wie "Vollzeit light" für Eltern ausbauen, Frauen mehr Chancne einräumen und die hohe Motivation derer wertschätzen, die Familie und Beruf vereinbaren können. Stets nicken die anwesenden Personalverantwortlichen angesichts solcher Ministerpredigten eifrig mit den Köpfen. Allerdings tun sie das seit über einem Jahrzehnt. Zwar hat das familienfreundliche Engagement der Unternehmen zugenommen. Eilig haben sie es aber nicht mit dem Ausbau familienfreundlicher Angebote, wie die Studie belegt.

Kein Wunder, dass im DGB allmählich hinterfragt wird, ob der Fachkräftemangel die Arbeitswelt durchgängig familienfreundlich machen werde. Denn selbst wenn 2020 die 600.000 Fachkräfte in bestimmten Branchen und Regionen fehlen werden – warum sollte das Unternehmer nötigen, für alle sechs Millionen NRW-Arbeitnehmer in allen Branchen und an allen Orten familienfreundliche Angebote aufzubauen? Zugespitzt: Informatiker werden von Unternehmen gerne mit Betriebs-Kita, "Vollzeit light" und Homeoffice gelockt – aber auch Verkäuferinnen? Zudem beobachtet man beim DGB mit Sorge, dass nicht nur in den kleinen Parteien die Tendenz dahin geht, die Zuwanderung von Fachkräften weiter zu erleichtern, was ebenfalls Druck von den Unternehmen nähme, Arbeitsplätze familienfreundlich zu gestalten.

Ein weiterer Kritikpunkt des Datenreports: das öffentliche Angebot an Betreuungsplätzen. Für viele Eltern sei es weder ausreichend noch vertrauenerweckend. Laut der DGB-Expertin Carmen Tietjen ist NRW hier gar "ein Entwicklungsland". Dabei ist inzwischen wenigstens unbestritten, was 1999 noch gar kein Thema war: dass Mütter nur dann (zumindest etwas) mehr arbeiten wollen, wenn sie ihre Kinder derweil in guten, vertrauenswürdigen Händen wissen. Dass dies den politisch Handelnden 1999 offenbar nicht bewusst war, finden auch Mitglieder des heutigen rot-grünen Regierung einigermaßen erschreckend.

Ob die heutige Landespolitik aber wirklich einen scharfen Blick für diese elterliche Sorge besitzt, darüber lässt sich streiten. Denn: Seit Monaten wird nur noch darum gerungen, mehr Betreuungsplätze für Kleinkinder zu schaffen. Daneben wird überlegt, wie man die Zahl der Kitas erhöhen kann, die vor 7 und nach 19 Uhr geöffnet haben (bislang nur zwei Prozent). Über Qualitätssteigerung redet dagegen niemand mehr. Das dürfte bei vielen Eltern ebenso wenig Vertrauen erwecken wie Elternvereinsklagen über mangelnde Qualität in offenen Ganztagsschulen. Und noch eine Hürde auf dem Weg zur Gleichstellung ist den Emanzipationspolitikern erst jetzt voll bewusst geworden – obwohl sie schon seit Jahrzehnten bekannt war: Frauen halten hartnäckig fest an ihrer Sympathie für bestimmte Berufe. Laut DGB-Studie besetzen sie im Sozialbereich, bei der Körperpflege und beim Verkaufspersonal zwischen 80 und 90 Prozent aller Arbeitsplätze. Doch genau diese Jobs sind traditionell schlechter bezahlt als die Männerberufe. Auch deshalb verdienen Frauen durchschnittlich weniger als Männer. Was tun mit dieser immerhin freien Berufswahl von Frauen? CDU-Frauenpolitikerin Regina van Dinther plädiert dafür, junge Frauen in der Schule stärker aufzuklären, mit welchen Berufen und Lebensentwürfen welche Einkommenschancen und Risiken einhergehen. Dagegen favorisiert der DGB das Vorhaben, für Frauenberufe schlicht höhere Löhne zu erkämpfen.

Aber welchen Weg das Land auch einschlägt– es wäre kein Schaden, bedächten alle Gleichstellungskämpfer, wie schnell sich das emanzipatorische Patentrezept von heute in die Lachnummer von gestern verwandeln kann.

Quelle: www.welt.de

© Regina van Dinther 2017