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Aus der RP: 30.000 Prostituie​rte in der Region: Der große NRW-Rotlic​ht-Report

Duisburg. In NRW gibt es gut 30.000 Prostituierte. Die meisten von ihnen werden laut LKA mit Gewalt und Drogen gefügig gemacht.

Irina (Name geändert) sitzt auf einem Barhocker vor ihrem Zimmer, in dem auf einem kleinen Fernseher der Musiksender MTV läuft. Die Frau mit den langen schwarzen Haaren wartet auf Kunden, die bereit sind, 30 Euro für eine halbe Stunde mit ihr zu bezahlen. Seit knapp einem halben Jahr arbeitet die 19 Jahre alte Bulgarin als Prostituierte in einem der Bordelle an der Duisburger Vulkanstraße, einem der größten Rotlichtviertel in Deutschland.

 

Ihr Zimmer hat sie in der zweiten Etage eines mehrstöckigen Gebäudes, in dem Hunderte Frauen in dunklen Verschlägen ihre Dienste anbieten. Sie mache das alles freiwillig und gerne, sagt sie auf Englisch, das sie in der Schule gelernt hat. Deutsch spricht und versteht sie kaum, weil sie nicht lange in Deutschland ist.

Frauen mit Drogen und Gewalt gefügig gemacht

Irina arbeitet als Prostituierte. Laut Gesundheitsministerium sind es in NRW 30.000 Frauen, bundesweit knapp 400.000. Gut 80 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Die meisten kommen wie Irina aus Südosteuropa – aus Bulgarien, Rumänien, der Ukraine, Tschechien, Russland oder Polen. Sie sind in der Regel nicht freiwillig hier. Wilhelm Erkens, Dezernatsleiter beim Landeskriminalamt (LKA) und Experte für Menschenhandel, sagt, dass viele der Frauen aus ihren Heimatländern verschleppt oder mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt werden, wo sie dann mit Drogen und Gewalt gefügig gemacht und zu sexuellen Handlungen gezwungen werden.

"Sie werden über Drittstaaten hierhin geschleust – einzeln oder in kleinen Gruppen, meist in engen Kastenwagen", sagt Erkens. Erich Rettinghaus, Landeschef der Deutschen Polizeigewerkschaft, erklärt: "Sobald die Frauen in Deutschland sind, wird ihnen der Pass abgenommen." Dann folgen Drohungen. "Wenn sie nicht gehorchen und das machen, was die Zuhälter von ihnen verlangen, droht man ihnen, ihren Familien in der Heimat etwas anzutun", sagt Rettinghaus.

Es ist abends, die roten Lichter und blinkenden Reklametafeln an den Bordellen der Vulkanstraße erhellen den Nachthimmel über Duisburg, die Innenstadt ist nur wenige Hundert Meter entfernt. Taxen halten und bringen neue Kunden. Die Männer verlaufen sich in den Bordellen auf den mehrstöckigen Etagen und verwinkelten, dunklen Gängen mit den roten Nummern an den Türen, vor denen leicht bekleidete Frauen sitzen und Sex für Geld anbieten. Auch an Irinas Tür bleiben Männer stehen, sprechen die 19-Jährige an und gehen mit ihr hinein, wenn sie den Preis akzeptieren. Wenn sie einen Freier hat, legt die junge Bulgarin ein Handtuch auf ihren Barhocker. Das bedeutet, dass ihr Zimmer besetzt ist. An diesem Abend hängt das Handtuch sehr oft über ihrem Hocker.

Arbeit zu Hungerlöhnen

Seit der Legalisierung der Prostitution im Jahr 2002 vergrößern sich landesweit die Rotlichtviertel, weil es nirgendwo anders in Westeuropa so einfach und so legal ist, einen Sexclub zu eröffnen. Mit dem Prostitutionsgesetz wollte die damalige rot-grüne Bundesregierung die Lage der Prostituierten eigentlich verbessern und sie aus der Illegalität holen. Die Frauen müssen seitdem Steuern zahlen, können sich krankenversichern und ihren Lohn einklagen. Doch die Realität sieht anders aus. Die Legalisierung hat zu einem drastischen Anstieg des Menschhandels geführt. Wilhelm Erkens vom LKA erklärt: "Die Frauen müssen zu Hungerlöhnen arbeiten, die den Markt mit sozialen, gesundheitlichen und wirtschaftlichen Bedingungen im Sinne des Prostitutionsgesetzes versaut haben."

Arnold Plickert, Landeschef und stellvertretender Bundeschef der Gewerkschaft der Polizei, kritisiert: "Das Gesetz war ein Schuss in den Ofen. Es war zwar gut gemeint, hat aber die Kriminalität gefördert." Der Zwangsprostitution seien Tür und Tor geöffnet worden. "Die Polizei darf die Bordelle nicht mehr so einfach kontrollieren wie noch vor dem Gesetz, weil jetzt ja so ziemlich alles legal ist, was darin passiert."

Die ehemalige Landtagspräsidentin (2005 bis 2010) und jetzige CDU-Landtagsabgeordnete Regina van Dinther fordert eine grundlegende Überarbeitung des Gesetzes. "Die Richtlinien müssen der Realität angepasst werden." Die rot-grüne Landesregierung hält die Kritik für überzogen und verweist auf eine vom Gesundheitsministerium in Auftrag gegebene Befragung von Prostituierten in NRW. "Dabei wurde insbesondere von Seiten der Sexarbeiterinnen deutlich gemacht, dass sie durchaus reflektiert aus eigener Motivation und aufgrund rationaler Entscheidungen in diesem Gewerbe arbeiten", heißt es in der Studie.

Rockerbanden kontrollieren das Gewerbe

Ordnungsbehörden zufolge werden in Deutschland jedes Jahr geschätzte 14,5 Milliarden Euro mit Prostitution umgesetzt, mehr als 1,2 Millionen Männer nehmen täglich die Dienstleistungen von Prostituierten in Anspruch. Für NRW gibt es keine seriösen Zahlen. Das Geld fließt in die Kassen von kriminellen Organisationen, nur einen Bruchteil dürfen die Frauen behalten. In NRW kontrollieren allen voran Rockerbanden das Rotlichtgewerbe.

Die verfeindeten Motorradclubs Hells Angels und Bandidos haben ihre Territorien fernab von Recht und Gesetz untereinander klar abgesteckt. Während die Bandidos das Ruhrgebiet kontrollieren, beanspruchen die Hells Angels das Rheinland für sich. Doch in Duisburg überschneiden sich ihre Interessen. "Die Stadt spielt wegen des großen Rotlichtviertels eine zentrale Rolle in der Szene", erklärt Rettinghaus. Die Bandidos haben dort mit dem "Fat Mexican" seit Jahren eines ihrer größten "Chapter" (Untervereine) in Deutschland. Sie wollen damit ihren Machtanspruch untermauern. Jedoch drängen seit einiger Zeit auch die Hells Angels in die Stadt. Im Kampf um die Vorherrschaft im Duisburger Milieu lieferten sich beide Lager schon Massenschlägereien. Und Schießereien.

Irina will nicht sagen, für wen sie arbeiten muss. Sie hat Angst, zu viel von sich preiszugeben. Im Spätsommer, irgendwann im September, kam sie mit ihrer älteren Schwester aus einem kleinen bulgarischen Dorf an der türkischen Grenze nach Duisburg. Sie wollte es besser haben als in ihrer Heimat. "Ich wollte einen Mann hier finden, der mich liebt und heiratet", sagt Irina. Mindestens drei Kinder wünsche sie sich. Einen Teil ihres im Bordell verdienten Geldes schickt sie jeden Monat an ihre Eltern in Bulgarien. Sie nehmen an, dass ihre Tochter in Deutschland ein gutes Lebens führt. Wie es ihr wirklich geht, dürfen sie nicht wissen.

Quelle: www.rp-online.de

© Regina van Dinther 2017