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Aus der Welt: Was ist Familie?

Die westfälischen Protestanten werben für eine Neudefinition des Begriffs: Auch Freundschaftsbande, Alleinerziehende mit Kind und hetero - wie homosexuelle Lebenspartnerschaften sollen dazugehören. Die Kirche ist schon einverstanden.

Nun wird auch noch die letzte Bastion gottgewollter Ordnung geschleift, stöhnten in der vergangenen Woche theologisch konservative Christen. Und das geschehe ausgerechnet durch die Kirche selbst. Genauer: durch Annette Kurschus, die Leiterin der evangelischen Kirche Westfalens. Die betont zwar unermüdlich, nichts liege ihr ferner, als die Hochschätzung der Vater-Mutter-Kind-Familie zu untergraben. Auch gegenüber dieser Zeitung beteuerte Kurschus, sie "achte die 'traditionelle' Form der Familie sehr hoch" und sei "dankbar, dass ich in ihrem Schutz und ihrer Geborgenheit aufwachsen konnte".

Aber der Vorwurf, sie fungiere als Pionierin der Familienauflösung, kursiert trotzdem. Schließlich hat die Präses der viertgrößten Landeskirche der Republik nun etwas gewagt, was konservative Christen als Angriff auf die so gern beschworene "Keimzelle der Gesellschaft" lesen. Kurschus wirbt für ein erweitertes Verständnis von Familie – und für mehr Achtung für bisher vernachlässigte Formen familiären Lebens. Auch unverheiratete Paare, Freundschaftsbande, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, bunte Patchworkgemeinschaften oder Alleinerziehende und ihr(e) Kind(er) erfüllten offenkundig familiäre Funktionen, so heißt es im entsprechenden Diskussionspapier der westfälischen Protestanten. Deshalb müsse die Kirche eine breite Debatte ins Rollen bringen, um alle Gemeinschaften, in denen "Verbindlichkeit und Verantwortung gelebt werden", stärker zu würdigen.

Politisch wie kirchlich hat diese Debatte Fahrt aufgenommen. Was laut den westfälischen Kirchenoberen daran liegt, dass sie ja nur einen Trend aufgegriffen haben: Es gibt nun mal von Jahr zu Jahr mehr Menschen in Lebensgemeinschaften, die nicht dem traditionellen Familienbild entsprechen. So lebten 2011 noch zwischen (je nach Studie) 72 und 75 Prozent aller Kinder in Familien mit verheirateten Eltern. Vor wenigen Jahrzehnten lag dieser Anteil bei über 95 Prozent. Darf man solche "wilden Ehen" aber geringer schätzen als verheiratete Partnerschaften? Immerhin werden die Kinder – ob mit oder ohne Trauschein – liebevoll großgezogen, so fragt die Kirchenleitung nun in ihrem Diskussionspapier (auf Kirchendeutsch: "Hauptvorlage").

Und das ist noch längst nicht alles. Seit 2001 gibt es zudem die Möglichkeit der Homo-Ehe, also einer eingetragenen Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare, in der ebenfalls verantwortungsvolles Miteinander praktiziert wird, wie die Kirche betont. Darüber hinaus wächst die Zahl der Singlehaushalte permanent. Bundesweit waren es 2009 schon 39,5 Prozent, wobei eine steigende Zahl von Singles, auch über Generationen hinweg, ihren Freundschaften eine familienähnliche Funktion zubilligt – inklusive Fürsorge bei Krankheit oder im Pflegefall. Nach wie vor wächst außerdem die Zahl der Alleinerziehenden. Deren Anteil stieg von rund 14 Prozent (1989) auf 18 Prozent (2010). All diese Entwicklungen drohten vernachlässigt zu werden, wenn man sich allein am Begriff der traditionellen Familie als Norm orientiere – so mahnen nun die westfälischen Kirchenoberen. Sie argumentieren in ihrer Hauptvorlage akribisch mit Jesus- und Paulusworten und sind bemüht, ihren Vorstoß biblisch abzusichern. Dabei lässt sich ihre Quintessenz laut Kurschus auch in einem Satz zusammenfassen: Im Zentrum des Christentums stehe "die große Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen". Dementsprechend müsse auch der kirchliche Familienbegriff ein liebevoller, kein diskriminierender sein. Es geht Kurschus also keineswegs um ein "modernes" Familienbild. Ob modern oder nicht, ist in der Kirche nicht allzu relevant. Maßgeblich ist eine andere Frage: Ist das kirchliche Familienverständnis liebevoll?

Dass die Kirchenleitung dennoch ihre Legitimation im biblischen Wortlaut sucht, findet seinen Grund auch darin, dass ihre Kritiker ausschließlich mit dem Buchstaben der Bibel argumentieren. Der pietistische Gemeinschaftsverband wies zum Beispiel darauf hin, an keiner Stelle bewerte die Bibel homosexuelle Praxis positiv, umgekehrt werde die heterosexuelle Ehe durch mehrere Bibelpassagen bestätigt.

Ein Ausgleich zwischen diesen Positionen ist schon deshalb nicht einfach, weil die große Mehrheit der Landeskirchler die Bibel anders liest als die pietistische Minderheit. Erstere historisieren und allegorisieren biblische Aussagen, weshalb sie diese mit einer gewissen Freiheit auslegen können. Letztere halten diesen Umgang mit dem Bibeltext oft für respektlos – und kommen bei ihrer Bibellektüre entsprechend zu anderen Ergebnissen. Auffällig war allerdings, dass den Kritikern ein Unterstützer fehlte, dessen mahnenden Einspruch manche erwartet hatten: Kölns Joachim Kardinal Meisner und die Sprecher seines Erzbistums zogen es auch auf Anfrage dieser Zeitung vor, über den Vorstoß der Protestanten zu schweigen.

Doch es kam noch überraschender: In der Landespolitik bildete sich eine breite Unterstützerfront für Kurschus und ihre Streiter. Diese Front reichte von meist evangelischen Vertretern der Grünen und der SPD über den katholischen FDP-Familienpolitiker Marcel Hafke bis hin zur katholischen CDU-Frauenpolitikerin Regina van Dinther. Vertreter dieser vier Landtagsfraktionen begrüßten unisono, dass der Kirchen-Vorstoß alle Formen des Zusammenlebens würdige, in denen Menschen füreinander Verantwortung übernähmen. In den Worten van Dinthers: Gerade aus "christlicher Überzeugung" müsse man sich doch "dafür einsetzen, dass Gottes bunte Schöpfung, auch in unterschiedlicher sexueller Orientierung geachtet wird".

Auch die Sorge, ein derart erweiterter Familienbegriff werde die normative Kraft der traditionellen Familie erschüttern, wischten sie alle vier vom Tisch. So sagt CDU-Frauenpolitikerin van Dinther, nach allen Studien bejahe "die große und sogar wachsende Mehrheit der jungen Generation das Ideal einer treuen, verbindlichen Partnerschaft mit Kindern". Gerade in einer unübersichtlichen Welt suche "die junge Generation den Anker der Familie" – weshalb der westfälische Vorstoß "die Menschen sicher nicht scharenweise zu instabilen Beziehungsformen ermuntern" werde.

Ähnlich sieht das Landtagspräsidentin Carina Gödecke (SPD), die in der westfälischen Landeskirche stark engagiert ist. Sie sieht die "normative Kraft familiärer Bindungen durch die Hauptvorlage" sogar "gestärkt und erweitert", weil sie das "Verständnis von Familie den in der Realität vorhandenen, vielfältigen Formen des familiären Miteinanders" annähere. Will sagen: Treue, Verantwortung und Verbindlichkeit als Lebensstil werden unterstützt, wenn die Kirche sie auch in "wilden Ehen", Patchworkfamilien oder gleichgeschlechtlichen Partnerschaften anerkennt. Laut Gödecke müsse man zum Beispiel auch die Leistung nichtverwandter Menschen stärker würdigen, die zunehmend füreinander und über Generationen hinweg Verantwortung übernähmen, etwa bei der Pflege, aber vom Staat bislang kaum unterstützt würden.

Aber der interfraktionelle Konsens reicht noch weiter. Vertreter der vier Fraktionen fordern auch, als Konsequenz des Kirchen-Vorstoßes gleichgeschlechtliche Partnerschaften, sogenannte Homo-Ehen, steuerlich mit heterosexuellen Ehen gleichzustellen. Dazu gehört nach Ansicht des Liberalen Hafke, dass man nicht nur heterosexuelle, sondern auch homosexuelle Paare mit Kindern gemeinsam veranlagen könne. An dieser einen Stelle ist der Konsens indes eingeschränkt. Zwar plädiert Christdemokratin van Dinther ebenfalls für die Gleichstellung von Homo-Ehen, allerdings dürfte es dafür auf dem CDU-Bundesparteitag ab Montag kaum eine Mehrheit geben – obwohl allseits erwartet wird, dass das Bundesverfassungsgericht 2013 die volle steuerliche Gleichberechtigung verlangen wird.

Angesichts dieser breiten Unterstützerfront drängt sich allerdings die Frage auf, ob die westfälische Kirche wirklich Pionierarbeit leistet. Oder vollzieht sie nur nach, was die Mehrheitsgesellschaft längst vorweggenommen hat?

Von Till-R. Stoldt

Quelle: www.welt.de

© Regina van Dinther 2017